Für sein Gutachten hat der Ökonom Stern die gängigen Klimaprognosen in ein ökonomisches Modell eingespeist und verschiedene Szenarien durchkalkuliert. Seiner Ansicht nach ist damit zu rechnen, dass sich das Weltklima in den nächsten 100 Jahren um bis zu 6 Grad aufheizen wird. Stürme, Überschwemmungen, Dürren und Hungersnöte würden das Produktionsvolumen der Weltwirtschaft um 5,5 Billionen Euro schmälern. Um den Ausstoß an Treibhausgasen bis 2050 zu stabilisieren, müssten dagegen nur 274 Milliarden Euro, 1 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts, ausgegeben werden. Mit diesem Geld müssten die Emissionen pro Euro des Weltsozialprodukts um drei Viertel verringert werden.

Ende der Kohleförderung in England? (Kohlentransport breit von wilhei; www.aboutpixel.de)
Wie ehrgeizig diese Forderung ist, zeigen die bescheidenen Fortschritte beim Klimaschutz. Wie das Sekretariat der UN-Klimakonvention gestern mitteilte, sind die Emissionen der 41 Unterzeichnerstaaten zwischen 1990 und 2004 zwar um 3,3 Prozent zurückgegangen. Der Rückgang ist aber hauptsächlich auf den Zusammenbruch der alten Industrie in den Ländern Mittel- und Osteuropas zurückzuführen, die 36,8 Prozent weniger Klimagase in die Atmosphäre entließen als 1990. Die übrigen Mitgliedstaaten emittierten dagegen 11 Prozent mehr. Und bei den Mittel- und Osteuropäern zeichnet sich eine Wende zum Schlechteren ab: 2004 bliesen sie 4,1 Prozent mehr Treibhausgase in die Luft als im Jahr 2000.
Sterns Studie unterfüttert die Politik der Labour-Regierung. Das Gutachten sei das wichtigste, das ihm während seiner Amtszeit vorgelegt worden sei, sagte Premierminister Tony Blair der Zeitung Sun. Seine Regierung machte im Gegensatz zur deutschen von der Möglichkeit Gebrauch, CO2-Emissionsrechte zu versteigern. Die Labour-Partei wie die britischen Konservativen erwägen überdies, Klimasteuern einzuführen.
Die Briten begreifen den Klimaschutz als Chance für ihre Wirtschaft. Die Kohleförderung haben sie weitgehend beendet, ihre Automobilindustrie spielt nur noch eine marginale Rolle. In erneuerbaren Energien, der Wasserstofftechnik und der Finanzierung des Emissionshandels sehen sie neue Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

Artensterben durch Klimawandel? (weißkopf_Seeadler von codec; www.aboutpixel.de)
Auch die deutsche CDU denkt um. Die stellvertretende Vorsitzende der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion, Katherina Reiche, schlug gestern vor, 10 Prozent CO2-Emissionsrechte für die Energieversorgungsunternehmen mit Beginn der neuen Handelsperiode 2008 zu versteigern. "Die Notwendigkeit klimapolitischen Handelns hat sich verschärft", sagte die Abgeordnete der taz. Die Koalition werde das im Zuteilungsgesetz für die künftigen Emissionsrechte berücksichtigen, das gerade erarbeitet wird.
taz Nr. 8113 vom 31.10.2006, Themen des Tages, GERNOT KNÖDLER, S. 3